Fußketten Fußfesseln

Schreibübung 28: Flucht

Ein Wort, eine Übung. Heute sind wir schon bei der Schreibübung 28 angekommen. Das Wort Flucht gibt wieder enorm viel Spielraum für eine Kurzgeschichte oder sogar einen Roman. Dabei ist es nur ein einziges kurzes Wort, das so viele Möglichkeiten bietet. Ja, es gibt noch Hunderte solche Wörter, das ist mir bekannt. Aber jetzt in diesem Moment habe ich das Bedürfnis, es hier mitzuteilen. Und einen Roman schreibe ich jetzt nicht, oder?

Schreibübung 28: Flucht

Niemand hätte je gedacht, das sie es wirklich wagt. Keiner glaubte ihr anfangs, egal was sie sagte oder auch nicht. Erst als sie mit einem Veilchen durch die Straße gehen musste, kamen langsam Zweifel der Nachbarn auf. Möglicherweise spricht sie ja doch die Wahrheit.
„Aber ihr Mann ist doch immer so nett. Er hilft jedem wo er nur kann. Und mit den Kindern ist er unermüdlich am toben. Wenn das wirklich so ist, wie sie zu uns sagt, hätte ich den Kerl schon längst umgebracht!“

Vier Jahre zuvor war das zweite Kind soeben geboren worden. Nun waren sie zu viert. Zwei Mädchen, zwei Jungs. Mama, Papa, ein kleiner Sohn und nun noch eine winzige Tochter. Sie waren glücklich. Der Mann arbeitete hart um die Familie versorgen zu können. Erst am Abend und an den Wochenenden waren sie alle zusammen, als Familie. So ging es drei Jahre lang. Ein anstrengendes Familienleben, jedoch voller Liebe und Vertrauen.

Im letzten Jahr wurde das Vorzeigemodell einer Familie auf die Probe gestellt. Der Mann verlor seinen Job, fand keinen Neuen und begann zu trinken, wochenlang. Auf seine Frau hörte er kaum noch. Wenn doch, gab es immer nur Streit. Um die zwei Kinder kümmerte er sich nur noch, wenn sie mal draußen waren oder Besuch vorbei kam. Ab und zu half er den Leuten in der Umgebung gegen ein kleines Taschengeld. Dafür kaufte er dann sich sofort Schnaps. Das übrig gebliebene Kleingeld gab er dann seiner Frau, manchmal fütterte er auch das Porzellanschwein im Kinderzimmer damit.
An einen dieser miesen Tage stellte die Frau ihren Mann vor die Wahl. Der Alkohol oder sie und die Kinder. Ein Fehler in diesem Augenblick. Er war stark angetrunken und taumelte durch die Wohnung. Als er auf sie zu schwankte, konnte sie nicht einmal mehr ausweichen. Seine Faust traf sie mitten ins Gesicht. Aus Angst lief sie zu den Kindern und verschloss die Tür hinter sich. So ging es von nun an immer weiter. Es steigerte sich sogar noch. Ab diesem Punkt war das Leben der Familie nur noch die reinste Qual.

Wie sie das hasste. Jeden Mittag, wenn der Mann endlich aus dem Bett kam und vor ihr stand, gab es dieses mitleidsuchende Schauspiel. „Es tut mir so leid. Ich werde mich ändern. Bla, bla, bla!“ Sie konnte es nicht mehr hören. Unter den Nachbarn gab es auch eine Handvoll Freunde von ihr. Sie suchte immer ein offenes Ohr, wollte Hilfe. Doch niemand wollte ihr das glauben. Niemand bemerkte etwas, keiner hörte es. Selbst als sie ins Krankenhaus musste, mit gebrochenen Rippen, einen Magenriss oder dem geplatzten Trommelfell, glaubte ihr niemand. Aber das Krankenhauspersonal sah nicht weg. Sie gaben ihr Informationen auf eine Notunterkunft für Mütter mit Kindern und noch viele weitere Nummern und Adressen. Dort würde man ihr helfen, versicherten sie ihr. Sie zögerte, winkte dann aber dankend ab.

Unterdessen kümmerte sich der Mann um die Kinder. Spielte vor den Augen der Nachbarn und Freunden den tollen Familienvater, der sich um seine Frau sorgte. Dabei war er nicht einmal im Krankenhaus mit den Kindern. Sie hatte zwar Angst um die Kleinen, aber er hatte sich noch nie an den Kindern vergriffen. So weit war es noch nicht gekommen. Außerdem konnte sie die ersten Tage ohnehin nichts weiter tun, als ruhig zu liegen. Das ging nun mal besser im Krankenhaus. Ihre Freunde besuchten sie ja auch gelegentlich und berichteten ihr von allem. Aber niemanden wunderte es, dass ihr Mann nicht kam.

Und wieder einmal kam sie früher nach Hause, weil sie sich doch zu sehr um die Kinder sorgte. Auf eigenen Wunsch früher entlassen, trotz der Warnungen ihrer behandelnden Ärzte und Krankenschwestern. Als sie die Tür aufschloss, lag ihr Mann regungslos im Flur auf dem Bauch. Vor ihm war eine Pfütze aus erbrochenem und seine Jeans war sichtlich vollgepinkelt. Total besoffen war der. Es stank nach Kotze und Alkohol. Sie schubste ihn nur mit dem Fuß, um zu sehen, ob er noch lebte. Ein kurzen Schnarchen reichte ihr. Sie stieg über ihn hinweg und suchte nach den Kindern. Sie waren nicht da. Der Schreck fuhr ihr durch den ganzen Körper. Wie gelähmt stand sie nur da. Und es wurde noch schlimmer. Jemand packte sie von hinten, hielt ihr den Mund zu. Der Gestank verriet ihr, dass es ihr Mann sein musste. Sie versuchte sich zu wehren, schlug um sich, wollte in seine Hand vor ihrem Mund beißen. Nichts half. Er schien keine Schmerzen zu spüren. Ihre Gedanken waren bei den Kindern. Wo sind sie?

Wieder wachte sie im Krankenhaus auf. Vor ihr standen die Kinder und ein uniformierter Polizist in Begleitung einer streng wirkenden Frau. Nun war sie beruhigt. Aber was wollte die Polizei hier? Sie verlor das Bewusstsein. Träumte von einer schönen saftgrünen Wiese mit kleinen Blümchen. Sie tanzte alleine darauf herum. Sie fühlte sich frei, war überglücklich. Sie tanzte und tanzte, bis … sie über etwas stolperte. Nun wurde ihr warmes Glücksgefühl plötzlich ganz kalt. Über ihr zogen schwarze Wolken vor dem babyblauen Himmel. Sie kniete sich hin, wollte sehen, über was sie gefallen war. Blut? Wo kommt das her?

Sie öffnete erneut ihre Augen. Bis auf einen Polizisten an der Tür war niemand mehr da. Sie wollte ihn etwa fragen, doch sie bekam keinen Laut heraus. Ein Schlauch steckte in ihrem Hals. Jetzt bekam sie Panik, wollte atmen. Es ging nicht. Sie zuckte und ruckelte herum, stieß etwas um. Es klirrte. Der Polizist rief laut um Hilfe. Schwestern kamen sofort herein, redeten auf sie ein, sie solle sich beruhigen. Alles sei gut. Den Kindern geht es gut. Ihr Kopf wurde nach hinten gedrückt. Sie bekam noch mit, dass sie ganz locker lassen sollte. Dann ein Gefühl im Hals, als wollte ihr jemand einen Holzstab heraus ziehen. Sie konnte nicht anders, musste husten. Dabei übergab sie sich fast. Es dauerte noch eine ganze Weile, bis sie sich wieder unter Kontrolle hatte. Alles tat ihr weh. Sie schlief wieder ein.

Als sie erneut aufwachte, saß vor ihr eine fremde Frau. Hinter dieser war eine weitere Frau, die sie vorhin schon mal gesehen hatte. Die war bei den Kindern gewesen. Passte wohl auf sie auf. Aber warum? Konnte ihr Mann nicht auf die Kinder aufpassen?
Die fremde Frau stellte sich als Sozialarbeiterin vor. Sie wäre hier um sie in allem was noch kommt zu unterstützen. Die Sozialarbeiterin wartete gar nicht erst auf eine Reaktion, sondern machte gleich weiter. Sie erklärte ihr, dass ihr Mann tot sei und die Kinder vorerst in der Obhut vom Jugendamt, bis alles weitere geklärt wurde. Den Rest des Vortrags bekam die verletzte Frau nicht mehr mit. Für sie brach eine Welt zusammen. Ihre Erinnerung kam zurück. Er packte sie von hinten. Riss ihre Klamotten kaputt. Schlug sie fast bewusstlos. Vergewaltigte sie. Fesselte sie. Vergewaltigte und schlug sie erneut. Es gelang ihr irgendwie die Fesseln zu lösen. Sie rannte in die Küche. Nahm das größte Messer, was es dort gab. Hielt es hinter sich versteckt. Ihr Mann kam voller Zorn auf sie zu gestürmt. Er riss die Augen weit auf, als er spürte, wie sich das Messer in sein Herz bohrte. Ein letztes Mal schlug er ihr mit der Faust ins Gesicht und sackte dann leblos zusammen. Es knackte dabei. Wohl ein oder zwei Knochen gebrochen. Sie wurde ohnmächtig.

Nun wurde ihr klar, dass sie Probleme bekam. Die Kinder würde sie wohl nie wieder sehen. Niemand hat ihr geglaubt. Keine Nachbarn, keine Freunde. Aus Angst vor ihrem Mann hat sie keine der Nummern angerufen, die ihr das Krankenhaus mitgab. Es geriet komplett außer Kontrolle. Eine Art Leere breitete sich in ihr aus. So lag sie einfach nur da. Viele Tage vergingen.

Es gab ein Gerichtsverfahren nach langer Zeit. Wegen verminderter Schuldfähigkeit und aus Notwehr gehandelt zu haben, bekam sie eine Bewährungsstrafe von 12 Monaten. Die Kinder kamen in eine Pflegefamilie. Sie konnte sie nur unter Aufsicht besuchen. Es war ruiniert, das Leben. Aber ihr einziger Weg zu dem Zeitpunkt war diese Flucht. Eine Flucht, von der aus man nicht mehr zurückkann.

Ende

Ein kurzes Nachwort

Diese Geschichte ist etwas lang geworden, oder? Aber ich konnte einfach nicht mehr aufhören. Die Geschichte und die Strafhöhe sind wie alle anderen Geschichten auch, reine Fiktion. Zudem ist es ein heikles und verschwiegenes Tabu-Thema. Noch immer! Ich kann nur jedem Betroffenen raten, sich schnellstens Hilfe zu holen. Bevor alles aus dem Ruder läuft.

© Bild
PublicDomainPictures auf Pixabay

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Tino Dietrich

Der Autor liebt Spaghetti in sämtlichen Variationen, den Kartoffelsalat und die Schnitzel seiner Frau, die Rühreier-Spezial vom Nachwuchs und Pizza. Tino kocht und backt selbst, probiert dabei auch Neues aus. Er liest und schreibt viel. Bloggt mit geringer Latenz und freut sich über seine Leser und die Kommentare.

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